27.04.2021 

Warum gibt es so wenig vernünftige und so viel absurde Corona-Proteste?

Rede von Lothar Galow-Bergemann
auf der Mahnwache „Querdenkern“ in die Quere kommen – Schluss mit antisemitischem Verschwörungsgeraune! am 17. April 2021

Zusammen mit der Covid-19-Pandemie verbreiten sich haarsträubende und gefährliche Verschwörungsphantasien. Menschen fabulieren von Geheimplänen bösartiger Milliardäre, die ihnen Mikrochips einpflanzen wollen und von einer „Merkeldiktatur“, die in deren Auftrag handelt. Der Glaube, sie seien bösartigen, gierigen und unvorstellbar mächtigen dunklen Kräften ausgeliefert, sitzt in ihnen ebenso tief wie die Überzeugung, sie selbst befänden sich im legitimen Widerstand dagegen. Immer häufiger äußert sich auch offener Antisemitismus, der „den Juden“ unterstellt, die eigentlichen Drahtzieher des Bösen zu sein.

Leider lässt sich nicht sagen, dass das, was wir gegenwärtig auf den Demonstrationen der angeblichen „Querdenker“ erleben, mit dem Rest der Gesellschaft nichts zu tun hätte. Denn spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 glauben sehr viele Menschen, dass „die da oben an allem schuld sind“. Gesellschaftskritik wird mit Wut auf „gierige Milliardäre“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Das funktioniert in rechten, linken und „alternativen“ Milieus genauso wie in der vermeintlich „guten Mitte der Gesellschaft“.

Dabei gäbe es in der Coronakrise sehr gute Gründe für vernünftige Kritik. Denn diese Krise ist nur zum kleinen Teil ein Naturereignis. In erster Linie ist sie die hausgemachte Folge einer Wirtschaftsweise, die ohne ewiges Wachstum und maximalen Profit umgehend ins Taumeln gerät. Nicht wegen des Virus, sondern wegen dieser Wirtschaft sterben massenweise Menschen in „nicht zahlungskräftigen“ Weltregionen, die keinen Impfstoff erhalten, fallen weltweit Millionen in Armut und Hunger. Auch in den reicheren Ländern wachsen Armut und Existenzunsicherheit, müssen viel zu viele Menschen arbeiten gehen und sich dabei gegenseitig anstecken. Viele erkranken und sterben nur deswegen, weil sich diese Wirtschaft keinen richtigen Lockdown leisten kann.

Leider gibt es bis heute kaum Widerstand gegen diese Zumutungen. Eine Initiative wie ZeroCovid, die einen solidarischen Lockdown fordert – aber einen richtigen, beim dem wir uns nicht in die S-Bahn quetschen müssen, damit beim Daimler die Bänder weiterlaufen – so eine Initiative findet bis jetzt kaum Beachtung. Ihre Forderung nach „drei Wochen bezahltem Sonderurlaub jetzt“ geht genau in die richtige Richtung. Aber warum kommen nur 100 Leute zu so einer Demo? Und wäre es nicht die ureigenste Aufgabe der Gewerkschaften, genau das jetzt zu fordern? – Warum gibt es keine Streiks, die die Schließung nicht unmittelbar lebensnotwendiger Betriebe erzwingen? Wo bleiben die Demonstrationen für die Aufhebung des Patentschutzes auf Impfstoffe?

Stattdessen demonstrieren Leute, die nicht etwa die Halbherzigkeit und Inkonsequenz staatlicher Maßnahmen zum Gesundheitsschutz aufs Korn nehmen, sondern absurderweise deren Ende verlangen. In völliger Verkennung der Realität bestreiten oder verharmlosen sie die Pandemie, verhalten sich entsprechend verantwortungslos und gefährden Gesundheit und Leben ihrer Mitmenschen – und ihr eigenes.

Warum gibt es fast keine vernünftigen, aber so viele absurde Proteste? Warum glauben immer mehr Menschen haarsträubenden Unfug? Warum schützen auch Bildung und Intelligenz nicht davor? Und warum finden da Leute zusammen, denen man doch eigentlich nicht viel Gemeinsamkeit zutraut? Alternative Esoterik- und wirtschaftsliberale Kapitalismus-Fans, Nazis und Hippies, Linke und Reichsbürger, Gutbürgerliche und Antiautoritäre…

Alle miteinander sind sie davon überzeugt, sie würden von „denen da oben“ betrogen und unterdrückt. Und gemeinsam sind ihnen falsche Vorstellungen vom Kapitalismus. Die einen halten ihn für die beste und natürlichste aller Welten und glauben deswegen, Krisen könnten nur von unfähigen und schlechten Personen verursacht sein. Die anderen halten den Kapitalismus von vornherein für das Werk solcher Leute. Wie auch immer – in der Konsequenz sind sie sich einig.

Undurchschaute systemische Ursachen verleiten zu personifizierender Krisendeutung. Der Glaube, finstere Mächte seien an Ungerechtigkeit, Krankheit, Elend, Krieg und Krisen Schuld, hat eine bald zweitausendjährige Tradition im christlichen Antijudaismus. Der moderne Antisemitismus, dem „der Jude“ die Personifikation des Bösen schlechthin ist, konnte nahtlos daran anknüpfen. Es ist kein Zufall, dass auch die aktuellen Verschwörungsphantasien wieder von antisemitischen Denkmustern durchzogen sind und zunehmend auch völlig offener Antisemitismus geäußert wird. Die Geschichte lehrt, dass er sich in Krisenzeiten rasend schnell ausbreiten kann. Auschwitz war in der Wahnvorstellung der meisten Deutschen die Beseitigung der betrügerischen Raffgier im Namen der ehrlich Arbeitenden.

Das Kapital nicht verstehen, aber gegen die Folgen des Kapital-Ismus Sturm laufen, ist wie in einem Gefängnis sitzen, von dem man nichts weiß. Das kollektive Ausrasten solcher Gefängnisinsassen speist sich aus irrationalem Verschwörungsdenken, das sich mit durchaus berechtigter Angst um den eigenen Lebensunterhalt vermengt. Die letztgenannte Angst ist allerdings durchaus berechtigt. Denn die Coronakrise offenbart genauso wie die Klimakrise, dass das herrschende Wirtschaftssystem existentiellen Herausforderungen nicht gewachsen ist. Unendliches Wachstum ist ihm wichtiger als Mensch und Natur, maximaler Profit wichtiger als Gesundheit und Lebensqualität, steigende Aktienkurse wichtiger als das Leben künftiger Generationen. Diese Wirtschaftsweise hat uns in die Sackgasse geführt, in der wir uns jetzt befinden. Wir brauchen ein anderes, vernünftigeres Wirtschaften, das während einer Pandemie auch einmal herunterfahren kann, ohne zusätzliches Leid zu verursachen. Und wir brauchen ein breite gesellschaftliche Bewegung, die das einfordert.

Siehe dazu auch: Menschenhass mit Grundgesetzfetisch. Warum die selbst ernannten „Querdenker“ in Wahrheit autoritäre Konformist*innen sind.