Papsi, los quäl´Dich!

Geschrieben am 26.09.14 | Allgemein |

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Von da unten komm’ ich her! Bei der Geschwindigkeit von durchschnittlich 13,5 km/h bei meinem Ritt über den Andolosattel war ein Selfie möglich. Hingegen war ein Selbstbild auf der späteren rasanten Abfahrt unmöglich.Foto: Th. Manthey

von Thomas Manthey
Ja, Berge tun weh! Doch gar nicht mal so sehr in den Waden und in den Oberschenkeln. Vielmehr in der Seele! Die Beine und Waden sind nur wütend, dass sie mich auf 1,92 Meter verbaute 96 Kilogramm über die Alpen bringen sollen. Vier Tage lang, von Garmisch-Partenkirchen (GAP), über Österreich und die Schweiz nach Riva del Garda in Italien.
Kehre für Kehre geht’s bergan. Und dies schon mehr als eine halbe Stunde. Demotivierend dabei ist, dass diese Serpentinenkurven in den österreichischen Alpen nummeriert sind, was das Pedalieren nicht unbedingt lustvoller macht. Denn siehst und liest Du die Nummer, so meldet sich prompt dein Kleinhirn und signalisiert Deinem Großhirn … noooooch seeeeeeechs Kehren! Drei davon, so sagte es unser Tourenguide Steffen zum Briefing am Frühstückstisch mit einer Steigung von rund 14 Prozent. Im Klartext: noch vier Kilometer, gespickt mit drei giftigen Steigungen, bis rauf zum Gipfel. Doch für ambitionierte Radsportler ein süßer Schmerz. Ein Schmerz, der wie Kraftstoff wirkt. Und den brauchst Du für eine Radeltour über die Alpen. Alpenüberquerung 2014 – ich habe sie gemeistert! Ein geiles Abenteuer. Eine Tour mit Suchtpotenzial.
Meine (erste) Transalp war ein Geschenk. Von meiner lieben Frau Caroline, meinen Eltern und Schwiegereltern wie auch den beiden Schwiegeromas bekam ich diese zu meinem 50. Geburtstag im Mai. Ja, es sollte was Besonderes sein. Und es war ein besonderes, außergewöhnliches Geschenk. Nicht im Entferntesten hatte ich damit gerechnet, dass man mir eine geführte Alpenüberquerung schenkt. Und auch meine beiden Jungs Theo und Max fanden es ein tolles Geschenk und gaben ihrem Papsi eine Woche frei.
Wochenlang fieberte ich auf die Tour hin, bereite mich vor. Wollte ich doch nicht ganz unvorbereitet in GAP an den Start gehen. Immerhin ging es über die Alpen. Und diese Berge haben bekanntermaßen ein gänzlich anderes Format wie etwa die Wellen bei Reudnitz in der Dahlener Heide, die Schöne Aussicht bei Bad Schmiedeberg oder der Collm bei Oschatz, den ich in den letzten sechs Woche vor meiner ersten Transalp wöchentlich einmal abrockte. Wie gut kommst Du über die Berge? Das war meine große Frage!
Tja, und dann gibt es ja noch den Schurken, der in Dir wohnt und Dir ständig einhaucht: „Warum machst Du das?“ Und auffordert: „Steig ab!“. Das ist der wahre Gegner, nicht der Berg! Doch dem inneren Schweinehund hab’ ich es gezeigt, habe ihm eine verpasst. Gelingt Dir das, besiegst Du auch den Berg, die Berge, die Alpen. Wenngleich, es bleibt dabei – der Berg zieht Dir den Saft aus den Socken!
Zwölf Leute, inklusive Tourenguide Der-Kutscher-kennt-den-Weg Steffen, waren wir, die gemeinsam über die Alpen radeln wollten. Alles Ottonormalverbraucher und geneigte, teils ambitionierte Hobbyradsportler. Das Besondere an unserer Reisegesellschaft – alle Teilnehmer waren und sind Flachlandtiroler. Alle hatten keinerlei Erfahrungen stundenlang im, am und übern Berg zu fahren. Bloß gut, denn im Vorfeld hatte ich mir Sorgen gemacht, wie ich denn wohl meine 95+ Kilo über die Alpen bringe, sodass es auch noch Spaß macht. Denn zugegeben: Ich bin nicht die Bergziege, eher noch der Bulle von Sprinter. Aber meine Sorgen lösten sich schon wenige Kilometer nach GAP in leckerer, wohltuender Bergluft auf.
Alsbald stellte ich fest, dass Du ja nicht den Berg allein erklimmst, sondern in der Gemeinschaft. Und es war eine dufte Truppe, die von einem tollen Bergführer letztendlich erfolgreich und mit viel Spaß über die bergigen Passagen gebracht wurde. Da waren die taffen und Turnschuh-fitten Radsport-Opis Werner und Franco aus Unna. Werner, der eigentlich Franz-Wilhelm heißt, den ich aber durch eine falsche Deutung am Begrüßungsabend die gesamte Tour mit Werner ansprach, ist Mitte 60. Tja, und Franco, den hatte ich gleich am ersten Tag ins Herz geschlossen. Er ist dieses Jahr 70 geworden und hatte die Transalp von seiner Frau zu Weihnachten und zum Geburtstag geschenkt bekommen. Toll! Franco ist gebürtiger Sizilianer und lebt seit den 1960er-Jahren in Deutschland. Und ich als Italien-Fan … klar, dass wir uns vom ersten Moment an prima verstanden und einander mochten! Gaby und Karsten aus Osterode aus dem Harz-Vorland brachten ein wenig Erfahrung im Berghochfahren mit. Für die beiden überaus teamfähigen Sportskanonen Corinna und Kay aus der Hansestadt Bremen war unsere gemeinsame Transalp der Anfang von größeren Herausforderungen, wie sie am Ende sagten. Sie wollen schon 2015 weiter und höher über die Alpen fahren. Zur Kompanie gehörten noch Martin und seine Susanne aus der Nähe von Hannover, die, obwohl man sie vorab gar nicht so einschätzte, eine feine, sehr starke Leistung am Berg ablieferten und uns mit trockenem Humor zum Lachen brachten. Und da waren noch der gute Gerd aus dem Fränkischen und Zahnarzt Martin, der Kölsche Jung. Beide hatten einen immensen Wissensstand und Redebedarf über Rennräder, Radtechnik, Sportbekleidung, Radcomputer & Co. Und man konnte ihnen zu jeder Tag- und Nachtzeit dazu eine Frage stellen. Sie hatten immer eine Antwort parat, klärten uns auf.
Es war ein grandioses Abenteuer! Tolle, erlebnisreiche fünf Tage mit einer fantastischen Truppe. Meine erste Transalp war ein Riesenerfolg. Sie machte Spaß. Und, so eine Alpenüberquerung macht süchtig. In zwei Jahren werde ich meine nächste Tour starten, so viel steht fest. Dann möchte ich höher hinaus und möchte einen oder zwei der Big Five der Alpenpässe mit dem Rennrad überfahren. Bis dahin – Pfiad di, Grüezi e Ciao!

 

TRANSALP GARMISCH-PARTENKIRCHEN – RIVA DEL GARDA

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Der letzte Pass der Tour – der Passo del Ballino – La-Ola-Welle für den 70-jährigen Franco.

1. Etappe
Von GAP aus ging es über die Fernstraße nach Mittenwald und stellten uns dort der ersten Herausforderung – dem Buchener Sattel. Die Auffahrt war schlappe 20 Kilometer lang. Wir mussten sie bei Regen fahren. Was uns aber nicht weiter juckte. Einzelne Streckenabschnitte forderten Waden und Geist das erste Mal. Und der innere Schweinehunde hauchte uns sein bekanntes Lied ein.
In rasanter Fahrt ging es hinunter ins Inntal, wo wir dann auf dem Inntal-Radweg bis nach Imst fuhren, unserem ersten Etappenankunftsort. Meine Uhr zeigte knapp über 84 Kilometer, 1300 Höhenmeter (Hm), eine V/max (Höchstgeschwindigkeit) von 70,29 km/h und eine Fahrzeit von 3:47,18 h. Der Abend wurde lang und die leeren Kohlenhydratbunker wurden mit allerlei Speisen aus guter österreichischer Küche und diversen nicht-elektrolythaltigen Getränken aufgefüllt.
2. Etappe
Wir begleiteten den Inn noch eine Weile und fuhren flussabwärts. Es regnete wieder. Schad’ nix – das machte uns nur härter! Da die Fernstraße zum Reschenpass hinauf mit dem Rad nicht befahren werden kann, fuhren wir einen kleinen Umweg über die Schweiz und starteten dann von der Grenz- und Zollstation aus unsere Fahrt zur Norbertshöhe, um nach Nauders zu gelangen. Wieder Regen. Wieder nummerierte Kehren. Wieder gab keiner auf und alle strampelten durch. Oben angekommen, wurde unser letzter Mann von der wartenden Truppe mit einer La-Ola-Welle begrüßt – unser 70-jähriger Franco. Der Rest der Tagesetappe ging mehr oder minder nur noch bergab und führte uns in das mediterrane Vinschgau. In Burgusio bezogen wir Quartier und labten uns an der Südtiroler Küche und dem leckeren Bier aus der Region. Beides ganz ordentlich!
105 Kilometer, 1300 Hm, eine V/max 6:65 km/h und eine Fahrzeit von 4:12,04 h.
3. Etappe
Durch das beschauliche Vinschgau, immer an der Etsch entlang, fuhren wir stundenlang durch Europas größtes zusammenhängendes Obstanbaugebiet (vorwiegend Apfel-Kulturen – insgesamt rund 70 km lang). Ein kleines Highlight war die Fahrt durch das Gewusel von Meran-City und anschließend strampelten wir auf der Südtiroler Weinstraße ein Stück vom Mendelspass, an dessen Fuß sich unser Hotel befand. 125 Kilometer, 450 Hm, Fahrzeit 5:07,11 h
4. Etappe – Schlussetappe
Die hatte es in sich! Nachdem wir Italiens Obstgarten durchfahren und hinter uns gelassen hatten, galt es den Andolosattel zu bezwingen. Eine echte alpine Herausforderung. Der 13 km lange Aufstieg verlangte uns alles ab. Ich wollte kurz mal vom Rad springen und verschnaufen. Doch dann sah ich auf das auf mein Oberrohr vom Rad geklebte Bild meiner mich angrinsenden Familie und hörte auf einmal meinen Großen rufen: „Papsi, los quäl’ Dich!“. Ja, Theo Du hast recht! Papsi fährt weiter! Ich hielt durch. Die Weiterfahrt vorbei am herrlichen Molveno-See bis Ponte Arche entschädigte uns. Noch einmal ging es bergauf – zum kleeeenen Passo Ballino. Diese Auffahrt wollte und wollte nicht enden. Ich hatte das Gefühl, dass ich auf einem „Platten“ fahre. Auf dem letzten Teilstück verpasste uns die Windfaust noch einen heftigen Schlag. Ein vorletzter Fotostopp und es ging gemeinsam und in rasanter Fahrt hinunter bis ans Ziel unserer Reise – Riva del Garda. 113 km, 1305 Hm, 4:59,42; V/max 62,62 km/h. Der Abend war der schönste und die Nacht, die längste. Erst zusammen diniert und geschlemmert, was das Salatbüfett und die Speisekarte unseres Hotels hergab, ging es dann geschlossen in die Altstadt von Riva, wo wir dann bis gegen 1.30 Uhr uns, unsere Truppe, unsere erste Transalp gefeiert haben – 427 km/4355 Hm.

Ein Kommentar

  1. Hallo Thomas.

    Toller Bericht der diese Transalp so wiedergibt wie ich es

    empfunden habe.

    Gruß Franz


  2. Gerhard Gräf
    26.09.14 um 16:34

    Hallo Thomas,
    schöner Beitrag,
    er gibt genau das wieder, was wir empfunden haben. Ich habe ein schönes Bild vom letzten Abend aus der Rubrik „so sehn Sieger aus“

  3. Auch aus Köln einen lieben Gruß!
    Super geschrieben, da möchte man gleich noch einmal los! 🙂 🙂
    LG Martin

  4. Moin Moin aus Bremen, danke Thomas für diesen „an alles gedacht“ Bericht- tipp topp. Aber war es wirklich erst 01:30 Uhr 😉 Grüsslis und bis bald, Cora